Manche Dinge geschehen unerwartet und zufällig. Ich schaue so gerade auf meine Schreibtischunterlage an meinem mittlerweile gewohnten Arbeitsplatz, da sehe ich den Kalender. Oh, ein Kalender, denke ich und suche das heutige Datum. Mh, ganz schön weit hinten im Jahr. Da zählen wir doch mal die Wochen, die ich schon in Oslo bin und kommen auf 6. Dann erkenne ich, dass es noch ebenso viele Wochen bis zum Praktikumsschluss sind und plötzlich ist klar: ich habe Bergfest. Schon? Erst? Beides irgendwie.
Habe das Gefühl, jetzt erst gerade angekommen zu sein. Ihr wisst schon, so richtig da, hier lebend, im Alltag. Ja, ich lebe in Oslo. Welch wunderbarer Satz. Ich sage ihn gerne. Ich fühle mich hier wohl, könnte ruhig noch eine Weile hier bleiben, arbeiten, die Vorzüge der Stadt entdecken und kleine norwegische Eigenheiten ergründen. Ist gar nicht so schlecht hier.
Auf der anderen Seite holt mich Mittweida langsam wieder ein, fordert mehr und mehr meine Aufmerksamkeit. Es klafft ein großes schwarzes Loch in meinem allzu gut durchorganisierten Zukunftsplan nach meiner Ankunft am 2.1.2009 in Deutschland. Ab Januar bin ich wieder in big Mittweida, Studentin, deutschsprechend, kurz vor meinem Bachelorabschluss und somit kurz vor einem neuen Lebensabschnitt, der unweigerlich nach dem Studium folgt: ARBEITEN! Herrje, darauf bin ich noch nicht geeicht. Studieren fetzt schon. Dass die drei Jahre schon wieder rum sein sollen, ist unbegreiflich.
Da muss wohl jeder durch, ich als nächstes. Aber noch ist es ja nicht soweit, ich darf vielleicht auch nicht zu sehr in der Zukunft leben. Es zählt das Hier und Jetzt. Also nochmal zurück nach Oslo. Mir ist aufgefallen, dass man, kommt man in ein fremdes Land, doch immer zu seinen Landesmännern Kontakt sucht. Automatisch, obwohl man doch eigentlich die fremde Kultur ergründen möchte, trifft man sich mit Deutschen, freut sich über deutsches Bier, hört deutsche Lieder und kann nicht so richtig seine Heimatgefühle abstreifen. Betrachtet man beispielsweise unsere bisherigen Clubbesuche wird es noch deutlicher. Ich habe es bisher verschwiegen, aber jetzt kommt es ans Tageslicht: wir waren beim Osloer Oktoberfest. Das mag dem ein oder anderen Leser ein Kopfschütteln entlocken, wir fanden es lustig zwischen lederhosenbekleideten Norwegern und 20 deutschen Biersorten zu einer Blaskapelle zu schunkeln und alle zwei Minuten ein Prosit auf die Gemütlichkeit zu gröhlen. Ein weiteres deutsches Ereignis war die Lesung von Wladimir Kaminer vor zwei Wochen. 98% des Publikums beherrschten die deutsche Sprache, so dass die Dolmetscherin bald überflüssig war. Im Anschluss an die Lesung legte Kaminer persönlich auf und es entstand das Feeling einer Original Berliner Russendisko - schweisstreibend, pogend, ruckig russische Folklore-Rock-Mucke bis in die Morgenstunden. Wir fühlten uns wie in Deutschland.
Die Frage bleibt: Warum besucht man solch deutsche Veranstaltungen, wenn man zeitgleich auch norwegische Events hätte wählen können?
Merkwürdig. Vielleicht kommt ja noch der Umschwung, ich habe mir jedenfalls vorgenommen, während meiner verbleibenden Wochen in Oslo keine deutsche Musik mehr auf den iPod zu laden, hauptsächlich norwegische TV-Sendungen zu schauen und auch mal rein norwegische Events zu besuchen. Ein kleiner Anfang. Aber immerhin.